Wo bleiben die journalistischen Standards?

Zweifelhafte Bilder

  •   Wo bleiben die journalistischen Standards?
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    Von Tamar Sternthal, Ynet, 06.02.12
     
    In den vergangenen Tagen kursierten im Netz zwei dramatische Fotos, die scheinbar das brutale Vorgehen der israelischen Armee dokumentierten. Das eine, das vor allem über Facebook verbreitet wurde, gab vor, einen israelischen Soldaten zu zeigen, der mit dem Fuß ein palästinensisches Mädchen festhält und ihm dabei eine Kalaschnikow an den Kopf hält. Es wurde als Szene eines anti-israelischen Straßentheaters in Bahrain entlarvt.
     
    Das zweite Foto, ein Bild des AFP-Fotografen Hazem Bader, wurde nicht nur über das Internet verbreitet. Obwohl seine Authentizität nicht geklärt ist, erschien es in verschiedenen Mainstream-Medien, die erklären, sich an ethische Pressestandards zu halten.
     
    "The International", herausgegeben von der New York Times, maß dem Bild große Bedeutung bei. Er druckte es am 26. Januar über vier Spalten mit dem Kommentar: "Ein palästinensischer Bauarbeiter in der Nähe von Hebron schreit vor Schmerzen, nachdem er gestern versucht hatte einen Fahrer der  israelischen Armee aufzuhalten, der ihm mit einem Anhänger über die Beine gefahren war..." Die Original-Bildbeschreibung sprach von einem "verletzten palästinensischen Bauarbeiter".
     
    Die "Washington Post" druckte das Bild sogar über fünf Spalten, und verschiedene Nachrichtenseiten veröffentlichten das Foto von Bader, einschließlich des "Wall Street Journals", des "Guardian" und MSNBC.
     
    Eine Überprüfung verschiedener internationaler und israelischer Quellen zeigt, dass der "verletzte Arbeiter" Mahmoud Abu Qbeita nicht wirklich verletzt worden war. Ja, es gibt noch  nicht einmal einen Beweis dafür, dass er überhaupt angefahren wurde. Das "Palestinian Center for Human Rights" und das "United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs", die beide umfassend über alle Zwischenfälle im Westjordanland berichten, erwähnen die angebliche Verletzung nicht.
     
    Von israelischer Seite erklärte Armee-Sprecher Barak Raz, die Soldaten seien vor Ort gewesen, um Mitarbeiter der Zivilverwaltung zu schützen. Sie waren beauftragt, palästinensisches Baugerät in dem Gebiet zu konfiszieren, das nicht als Bauland ausgewiesen ist. Abu Qbeita lag auf der Erde und blockierte den Trailer, als er begann zu schreien, er sei überrollt worden. Niemand hat beobachtet, dass das tatsächlich passiert ist. Zunächst hatte  Abu Qbeita geklagt, sein linkes Bein sei verwundet. Nachdem ein Sanitäter der Armee keine Verletzung feststellen konnte, erklärte er, es sei das rechte Bein. Raz erklärte, auch der Palästinensische Rote Halbmond habe ihn für gesund erklärt.
     
    Mit dieser Information konfrontiert, erklärte der Chef des Jerusalemer AFP-Büros Philippe Agret ungehalten, da verschiedene Medien einschließlich des palästinensischen Fernsehens, "PA Media" und "Al Quds TV" vor Ort gewesen seien, hätte Abu Qbeita nicht fälschlicherweise vorgeben können, dass er überrollt worden sei. AFP erklärte außerdem, die Agentur habe Material von Abu Qbeita gesehen, wie er auf einer Bahre weggetragen wurde. Sie gibt allerdings nicht an, dass Material existiere, das den Vorfall selbst dokumentiert.
     
    Agret hat damit unwillentlich die Aufmerksamkeit auf einen wichtigen Punkt gelenkt: Obwohl so viel Presse vor Ort war, hat niemand eine Aufnahme davon gemacht, wie Abu Qbeita überrollt wird.
     
    Als Reaktion auf die, wie AFP es nannte, "Angriffe" verteidigte die Agentur das Foto und dessen Beschreibung. Bemerkenswerterweise unterschied sich der Text vom dritten Februar deutlich von der Bildbeschreibung vom 25. Januar. Nachdem die Beschreibung besagt hatte, das Fahrzeug habe "seine Beine überrollt" (Beine im Plural), wurde Abu Qbeita jetzt mit dem Satz zitiert: "Es rollte über eines meiner Beine." Hatte die Beschreibung noch gelautet: "ein Trailer, der an einen Traktor gekoppelt war, fuhr ihm über die Beine", zitiert AFP jetzt Abu Qbeita, der sehr viel größere Traktor habe ihn überrollt.
     
    Und während die Beschreibung erklärt, Abu Qbeita sei überfahren worden als er "versuchte die Konfiszierung des Fahrzeugs zu blockieren", erklärte er AFP später: "Ich lief in Richtung meiner Sachen, um mein Telefon und meinen Ausweis zu holen, und dabei fuhr mich der Traktor an".
     
    Was denn nun? Ein Traktor oder ein Anhänger? Ein Bein oder beide? AFP widerspricht sich hier mehrfach selbst.
     
    AFP zeigt außerdem ein von ihr so bezeichnetes "Medizinisches Zertifikat" des palästinensischen Gesundheitsministerium vom Tag nach dem Vorfall. Warum sollte das Gesundheitsministerium, und nicht etwa das behandelnde Krankenhaus, eine Erklärung zu dem Patienten herausgeben?
     
    AFP hat die Erklärung so übersetzt: "Wir haben ihn geröntgt und Brüche festgestellt." Außerdem zitiert die Agentur Abu Qbeita, er habe "ein ärztliches Attest und werde es jedem zeigen, der es sehen möchte". Interessanterweise möchte er nicht die Röntgenaufnahmen zeigen. Und auch AFP hat sie nicht gezeigt.
     
    Wenn die Röntgenaufnahmen die Brüche von Abu Qbeida bestätigen, warum sollte man sie dann zurückhalten? Wenn AFP keine Röntgenbilder vorlegen kann, die die Behauptungen Abu Qbeidas bestätigen, stehen die "Washington Post", das "Wall Street Journal" und die anderen Medien in der Verantwortung, das Foto zurückzuziehen.
     
    Sonst sind sie nicht besser als die anti-israelischen Aktivisten, die auf Facebook oder sonst wo im Internet Israel mit unhaltbaren Posts diffamieren.
     
    Die Autorin ist Leiterin des israelischen Büros des "Committee for Accurace in Middle East Reporting in America"
     
    Die auf der Website veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.
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