Offener Brief an Stephen Hawking

Offener Brief an Stephen Hawking

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    ​Von Carlo Strenger, Haaretz, 08.05.13
     
    Lieber Professor Hawking,
     
    es gibt viele Gründe dafür, dass Sie als einer der weltweit führenden Wissenschaftler gelten. Wie Sie selbst wissen, ist einer der Gründe für Ihre Erfolge die Fähigkeit, einen unabhängigen Geist zu behalten und sich zu weigern, dem Druck des Mainstreams nachzugeben. Innovation ist nur möglich, wenn man einem solchen Druck gegenüber immun ist.
     
    Angesichts meines Respekts für Ihre Erfolge bin ich überrascht und traurig über Ihre Entscheidung, über die der Guardian heute berichtet, dass Sie Ihre Teilnahme an der diesjährigen Presidential Conference in Jerusalem abgesagt haben, und dass Sie sich nun jenen angeschlossen haben, die zum akademischen Boykott Israels aufrufen. Ich hätte erwartet, dass ein Mann in Ihrer Position und Ihrer Errungenschaften sich von dem Druck nicht beeindrucken lässt, der dem Bericht zufolge Ihrer Absage vorausging.
     
    Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete seit vielen Jahren ablehne, und meiner Ablehnung mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln Ausdruck verliehen habe. Ich denke, dass die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland moralisch unhaltbar, politisch dumm und strategisch unklug ist, und ich werde sie so lange kritisieren, wie ich kann.
     
    Nachdem dies gesagt ist, muss ich aber auch betonen, dass ich es schon immer als moralisch verwerflich und intellektuell unhaltbar empfinde, dass viele britische Intellektuelle zu einem akademischen Boykott Israels aufrufen. Dieser Aufruf basiert auf einem doppelten Standard, den ich von einer Gruppe nicht erwarten würde, deren Mission es ist, intellektuelle Integrität zu bewahren.
     
    Ja, ich denke, dass Israel im Westjordanland Menschenrechtsverletzungen begeht. Doch diese Vorfälle sind zu vernachlässigen im Vergleich zu denen, die andere Staaten begehen, vom Iran über Russland bis nach China, um nur wenige Beispiele zu nennen. Der Iran henkt jedes Jahr mehre Hundert Homosexuelle; China hält seit Jahrzehnten Tibet besetzt, und Sie wissen um die schrecklichen Zerstörungen, die Russland in Tschetschenien angerichtet hat. Ich habe weder von Ihnen, noch von Ihren Kollegen, die einen akademischen Boykott Israels unterstützten, jemals gehört, dass Sie eines dieser Länder boykottieren.
     
    Doch lassen Sie mich noch einen Schritt weiter gehen: Israel wird beschuldigt, Palästinenser jahrelang ohne Prozess festzuhalten. Gleiches tun die USA, die, wie Ihnen bekannt ist, bis heute Guantanamo nicht geschlossen haben. Israel wird beschuldigt, Palästinenser gezielt zu töten, die verdächtigt werden oder von denen bekannt ist, dass sie in Terroranschläge verwickelt sind. Wie auf der ganzen Welt berichtet wird, praktizieren die Vereinigten Staaten in vielen Ländern seit Jahren gezielte Tötungen von Terrorverdächtigen.
     
    Die Frage, ob diese Arreste und gezielten Tötungen gerechtfertigt werden können, wiegt schwer, und es gibt darauf keine einfachen Antworten. Ich persönlich denke, dass auch im Krieg gegen den Terror Demokratien jede Anstrengung unternehmen müssen, um den Rechtsstaat zu wahren und Menschenrechtsverletzungen zu vermeiden.
     
    Doch lassen Sie uns nicht vergessen, dass sowohl Israel als auch die USA sich in schwierigen Situationen befinden. Israel war einem Friedensabkommen mit den Palästinensern zum Greifen nahe, als die Zweite Intifada ausbrach. Israelis wurden täglich bei Selbstmordanschlägen in Stücke gerissen, und es ist sehr schwer für israelische Politiker, die Israelis davon zu überzeugen, für den Frieden Risiken in Kauf zu nehmen. Die USA sind immer noch benommen vom Trauma  des 11. September. Seit einem Jahrzehnt halten sie nun zwei Länder besetzt, Afghanistan und den Irak. Ich persönlich glaube, dass es falsch war, den Irak anzugreifen, genauso, wie ich die israelische Siedlungspolitik für falsch halte.
     
    Professor Hawking: Wie können Sie und Ihre Kollegen, die sich für einen akademischen Boykott Israels aussprechen, Ihren doppelten Standard rechtfertigen, indem Sie sich nur Israel herauspicken? Sie leugnen ganz einfach, dass Israel den größten Teil seiner Geschichte unter existentieller Bedrohung stand und steht. Bis heute ruft die Hamas, eine der beiden großen Parteien in Palästina, zur Vernichtung Israels auf, und ihre Charta bedient sich abscheulichster antisemitischer Sprache. Bis heute vergeht kaum eine Woche, während der der Iran und sein Vasale, die Hisbollah, nicht drohen, Israel zu vernichten, obwohl sie keinen konkreten Konflikt mit Israel haben.
     
    Sich Israel für einen akademischen Boykott herauszupicken, ist, glaube ich, ein Fall von schwerwiegender Heuchelei. Es bedeutet, ein wenig Dampf über die Ungerechtigkeiten in der Welt abzulassen, wo es nicht allzu viel kostet. Ich warte immer noch auf den britischen Intellektuellen, der sagt, er würde nicht mit US-amerikanischen Institutionen kooperieren, solange Guantanamo besteht, so lange die USA ihre Politik der gezielten Tötungen fortsetzen.
     
    Abgesehen davon, dass es scheinheilig ist, ist es auch pragmatisch unklug, Israel herauszupicken – um es milde auszudrücken. Die israelische intellektuelle Elite ist weitgehend links-liberal, und viele der hiesigen Intellektuellen stehen der israelischen Siedlungspolitik seit Jahrzehnten kritisch gegenüber. Doch einmal mehr suchen sich britische Intellektuelle das einfachste Ziel aus und machen ihrem Ärger auf eine Art Luft, die zur palästinensischen Sache, die sie unterstützen, keinen konstruktiven Beitrag leistet.
     
    Israel kann, wie jedes andere Land auch, kritisiert werden. Doch solche Kritik sollte nicht auf schrillem Moralismus und simplifizierendem schwarz-weiß-Denken beruhen – etwas, das ich von Wissenschaftlern nicht erwarte. Die reale Welt ist, leider, ein chaotischer, schwieriger Ort. Der Autor Ian McEwan wird im Guardian mit den Worten zitiert: „Wenn ich nur Länder bereisen würde, mit deren Politik ich übereinstimme, würde ich mein Bett wahrscheinlich nie verlassen. [..] Es ist nicht gut, wenn alle aufhören, miteinander zu sprechen.“ Dies sagte er, als er dafür kritisiert wurde, dass er 2011 nach Israel gereist war, um den Jerusalem-Preis für Literatur entgegenzunehmen.
     
    Da ist ganz sicher etwas dran. In einer unvollkommenen Welt nach den Standards der Menschenrechte und den Idealen einer Demokratie zu leben, ist schwierig. Wichtige Denker wie Philip Bobbitt und Michael Ignatieff haben der Frage, wie man die Menschenrechte in einer von Terrorismus bedrohten Welt wahren kann, viele Gedanken gewidmet.
     
    Professor Hawking, von einem Menschen Ihres intellektuellen Formats würde ich erwarten, die schwierige Aufgabe anzunehmen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Es sich einfach zu machen und sich Israel herauszupicken, um es akademisch zu boykottieren, steht Ihnen intellektuell und moralisch nicht an.
     
    Wenn Ihre Absage tatsächlich auf Druck zurückzuführen ist und keine gesundheitlichen Gründe hat, wie es Ihre Universität nach dem Bericht des Guardian erklärt hat, würde ich es respektieren, wenn Sie Ihre Entscheidung noch einmal überdächten und doch zur Presidential Conference kämen.
     
    Mit freundlichen Grüßen
     
    Carlo Strenger
     
    Der Autor ist israelischer Psychologe und Philosoph.
     
    Die auf der Website veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.
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     : Milan.sk
     
     
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