Missbrauch der Shoah ist ein ernstes Vergehen

Shoah-Vergleiche unerträglich

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    Von Menachem Rosensaft, Jerusalem Post, 03.01.12
     
    Die abstoßende Demonstration von Ultraorthodoxen am Samstag in Jerusalem, die gelbe Sterne und nachgemachte KZ-Kleidung trugen, erinnern an die Feststellung Walt Kellys in dem bekannten "Pogo"-Comicstrip: "Wir haben den Feind gesehen, und es sind wir."
     
    "Genauso hat es mit den Nazis angefangen – ganz langsam", erklärte bei der Demonstration ein amerikanischer Yeshiva-Student, der hartnäckig auf seinem Recht beharrte, Frauen und Mädchen diskriminieren und physisch misshandeln zu dürfen.
     
    Es muss betonten werden, dass dieser letzte Missbrauch von Symbolen des Holocaust und Nazi-Analogien nicht im leeren Raum entstanden ist. So zeigten etwa 1995 rechte Demonstranten auf Demonstrationen gegen politische Gespräche mit den Palästinensern Fotomontagen von Ministerpräsident Yitzhak Rabin in Naziuniform. Im Dezember 2004 verglichen Siedler die Entscheidung von Ministerpräsident Ariel Sharon, die Siedlungen im Gazastreifen zu räumen, mit dem Holocaust und kündigen an, sie würden von nun an orangene Davidsterne tragen (Orange war die Farbe der Protestbewegung gegen die Räumungen).
     
    Acht Monate später sahen sich Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (ZAHAL) in Kerem Atzmona im Gazastreifen mit jüdischen Kindern konfrontiert, die einen Davidstern auf der Brust trugen und so Bilder von Juden evozierten, die von den Nazis in den Tod geschickt wurden.
     
    Doch Nazi-Vergleiche stellt nicht nur die politische Rechte an. Im letzten Mai sprayte eine Gruppe von linken israelischen, palästinensischen und polnischen Aktivisten die Worte "Befreit alle Ghettos" auf Hebräisch und "Free Gaza and Palestine" auf Englisch auf die Überreste des Warschauer Ghettos.
     
    Niemand sollte daher überrascht sein, wenn die Ultraorthodoxen, von denen einige schon seit langem auf antizionistischen Demonstrationen in New York und anderswo Israel mit Nazi-Deutschland verglichen haben, sich entschieden haben, den Einsatz zu erhöhen, indem sie noch provokantere und sinnträchtigere Taktiken wählen.
     
    Noch verstörender als die Demonstration vom Samstag ist das Schweigen so vieler ultraorthodoxer religiöser Führer danach. Zwar haben einige jüdische religiöse Prominente ihre Betroffenheit artikuliert, doch die Mehrheit der chassidischen und anderen ultraorthodoxen Persönlichkeiten scheinen passenderweise gerade an einer Laryngitis zu leiden.
     
    […]
     
    Alle diese krassen unangemessenen Nazi- und Holocaust-Vergleiche, ob sie nun in Israel, den Vereinigten Staaten oder anderswo gemacht werden, nehmen uns letztendlich die Möglichkeit, die moralische Autorität der Erinnerung an die Shoah einzusetzen, wenn es wirklich wichtig ist. Der Holocaust und alles, für das er steht, sollte nur dann in unseren politischen Diskurs eingebracht werden, wenn menschliche Wesen, Juden oder Nichtjuden, wirklich verfolgt werden und mit Vernichtung bedroht werden.
     
    Es ist nicht genug, die Ultraorthodoxen zu verurteilen, die sich am Samstag mit Juden im Europa des Nationalsozialismus verglichen haben und zuzulassen, dass der Zwischenfall als weiterer in einer langen Reihe von Zwischenfällen zu den Akten gelegt wird. Die, die diese obszöne Demonstration organisiert oder an ihr teilgenommen haben, sollten für immer zu Parias erklärt werden, genauso wie die ultraorthodoxen Rabbiner und anderen Persönlichkeiten, die sich nicht dagegen ausgesprochen haben. Die Erinnerung an die Shoah zu entweihen, ist genauso schlimm, wie ein Mädchen anzuspucken, und für sozial degenerierte Menschen, die eines von beiden tun, gibt es in einer zivilisierten Gesellschaft keinen Platz.
     
    (Jerusalem Post, 03.01.12)
     
    Der Autor ist Lehrbeauftragter für Jura an der Cornell Law School. Seine Eltern sind Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. Er ist Vizepräsident des "American Gathering of Jewish Holocaust Survivors and Their Descendants"
     
    Die auf der Website veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.
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     : Marc Israel Sellem
     
     
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