Israel durch die rosarote Brille

Israel durch die rosa Brille

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    Von Adir Steiner, Ynet, 07.06.12
     
    Wir befinden uns mitten in der Gay Pride Week, und angesichts der Feiern werden wieder Vorwürfe gegen die Organisatoren der Veranstaltungen laut. Die Events, die der Staat Israel und die Stadt Tel Aviv im In- und Ausland organisieren, seien, so heißt es, lediglich ein Feigenblatt, das die Gräueltaten verdecken soll, die die Regierung gegen die Palästinenser begehe.
     
    Auch bei der Konferenz „Anderer Sex“, die vor kurzem an der Universität Tel Aviv stattfand, war ein Panel dem Vorwurf des „Pink Washing“ gewidmet – eben jenem Vorwurf, Israel benutze sein liberales Verhältnis zur schwul-lesbischen Community, um die andauernde Besatzung und die Verletzung der Menschenrechte der Palästinenser „abzuwaschen“ und von der Welt nur noch durch die rosarote Brille gesehen zu werden.
     
    Doch diejenigen, die vom „Pink Washing“ sprechen, verstehen nicht, welche Ziele hinter der schwul-lesbischen Aufklärungsarbeit im Ausland stecken. Sie verstehen auch nicht, welch breite internationale Medienberichterstattung die Gay Pride Parade auf sich zieht. Denn vorrangigstes Ziel dieser Aktivitäten ist nach wie vor die Verbesserung des Standings der schwul-lesbischen Community in Israel.
     
    Wir leben heute in einem der fortschrittlichsten und aufgeklärtesten Staaten weltweit, was die Rechte von Schwulen und Lesben betrifft. Doch diese Realität ist nicht aus sich selbst heraus entstanden. Bis vor weniger als 25 Jahren war Homosexualität in Israel noch strafbar. In den letzten beiden Jahrzehnten wurden viele persönliche und öffentliche Kämpfe geführt, um gleiche Rechte für die schwul-lesbische Community zu erreichen. Und ein Teil dieser Kämpfe (so beispielsweise das Recht auf Elternschaft) dauert noch an.
     
    Die Tatsache, dass viele dieser Kämpfe gewonnen wurden, ist zu einem Großteil den großen Anstrengungen um einen Wandel der öffentlichen Meinung zu diesem Thema geschuldet. Die schrecklichen Dinge, die heute der Knessetabgeordnete Nissim Ben Zeev und seine Freunde sagen, waren früher in vielen gesellschaftlichen Gruppen in Israel Konsens.
     
    Doch über die Jahre haben wir der breiten Öffentlichkeit gegenüber unter Beweis gestellt, dass die schwul-lesbische Community eine Gruppe ist, die dem Staat viel gibt, und dass ihre Mitglieder ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Mosaiks sind: in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften, in der Wissenschaft, in den Medien, in den freien Berufen und auch überall sonst. Der bedeutende Wandel in der öffentlichen Meinung ist es, der die schwul-lesbische Community letztendlich hin zu (fast) gleichen Rechten geführt hat.
     
    Der Kampf ist noch nicht vorüber. Wir genießen beinahe gleiche Rechte, aber eben nur beinahe. Es gibt immer noch Themen, bei denen eine immanente Diskriminierung von Schwulen und Lesben besteht. Es gibt immer noch große Gruppen in der israelischen Gesellschaft, in denen ein Mensch nicht offen seiner sexuellen Neigung gemäß leben kann. Diesen Kampf kann man auf zwei Arten führen: Wir können einerseits am Rand sitzen, missbilligend mit der Zunge schnalzen und uns über unser schreckliches Schicksal beschweren. Oder man kann aus dem System heraus aktiv werden und es ändern.
     
    Die Öffentlichkeitsarbeit, die die schwul-lesbische Community in Tel Aviv, ganz Israel und im Ausland durchführt, hat nicht mit dem Segen des israelischen Establishments begonnen. Im Gegenteil: In den ersten Jahren haben uns die Ministerien die kalte Schulter gezeigt. Die einzige öffentliche Person, die bereit war, sich auf den Prozess einzulassen, war der Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai. Er investierte kommunale Gelder in das internationale Branding. „Pink Washing“ war das bestimmt nicht. Erst nachdem unsere Anstrengungen schon Früchte trugen, der Gay Tourismus nach Israel zu kommen begann und Tel Aviv zum besten Reiseziel für Schwule und Lesben gewählt worden war, haben sich die Ministerien dem ertragreichen Branding angeschlossen.
     
    Das israelische Establishment versteht heute, dass die schwul-lesbische Community eine zentrale Gruppe ist, deren Beitrag für den Staat Israel mit Gold nicht aufzuwiegen ist. Aus diesem Verständnis heraus können wir den Kampf um die Rechtegleichheit zu Ende führen und die Reste der Diskriminierung vertreiben, die noch übrig sind. Am Ende sind es sowohl der Staat als auch die schwul-lesbische Community, die hierbei gewinnen.
     
    Doch was ist mit den Rechten der Palästinenser und anderer Minderheiten in Israel, in deren Namen die Unterstützer der These vom „Pink Washing“ sprechen?

    Erstens ist die Behauptung vollkommen unsinnig, Menschen, die für Freiheit und Frieden sind, könnten sich nicht an der israelischen Öffentlichkeitsarbeit beteiligen, solange nicht alles Schlechte am Staat beseitigt ist. Jeder Staat hat seine Vor- und Nachteile, und wir dürfen genauso wie jeder andere Staat die Vorteile feiern, während wir unablässig daran arbeiten, die Nachteile zu korrigieren.

    Zweitens führt die Tatsache, dass die schwul-lesbische Community eine Gemeinschaft geworden ist, die vom israelischen Establishment gefördert wird, dazu, dass die israelische Gesellschaft insgesamt toleranter gegenüber Menschen wird, die „anders“ sind. Die Erfolge der schwul-lesbischen Community bahnen auch den Weg für andere Gruppen. Daher hilft die Aktivität auf diesem Feld nicht nur der schwul-lesbischen Community sondern auch dabei, die Toleranz insgesamt zu fördern und echte und umfassende Rechtegleichheit in Israel insgesamt zu erreichen.
     
    Der Autor ist langjähriger Aktivist für Rechte von Homosexuellen und hat die diesjährigen Gay Pride Events in Tel Aviv koordiniert.
     
    Die auf der Website veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.
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