Hinter den Schlagzeilen

Hinter den Schlagzeilen

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    Von David Horovitz, Times of Israel, 11.03.12
     
    So oder so ähnlich ist es schon häufiger geschehen: Israel tötet einen Top-Terroristen, da Informationen über die Planung eines großangelegten Anschlags vorliegen und obwohl es weiß, dass die Verhinderung des Anschlags wieder massiven Raketenbeschuss auf die Dörfer und Städte in Israels Süden zur Folge haben wird.
     
    Und die Raketen fallen, die Luftwaffe wird wieder und wieder ausgeschickt, um die Terrorzellen zu stoppen, die mehr und mehr Raketensalven abfeuern. Und die Zahl der Opfer im Gazastreifen steigt.
     
    Auf der israelischen Seite steigt sie glücklicherweise nicht, obwohl die Terrororganisationen aus dem Gazastreifen es genau darauf anlegen, wenn sie hunderte Raketen auf Israel abfeuern. Doch Israel hat Alarmsysteme und Schutzbunker. Israel schließt die Schulen, damit die Kinder zu Hause bleiben können. Und Israel verfügt über die weltbesten Raketenabwehrsysteme.   
     
    Die Opferzahlen erzählen also nur einen Teil der Geschichte. Doch die Zahlen – und die Begräbnisszenen aus dem Gazastreifen – werden weltweit ausgestrahlt und dienen als das Barometer der Verhältnismäßigkeit, oder eher Unverhältnismäßigkeit. Und Israel findet sich selbst auf der Anklagebank wieder, beschuldigt des unverhältnismäßigen Einsatzes von Gewalt, obwohl es nur das Leben seiner Bevölkerung  schützen will.
     
    Wie schon so oft in der Vergangenheit muss man einen Funken intellektueller Ehrlichkeit und einen Blick hinter die Zahlen und Schlagzeilen wagen, um wirklich zu verstehen, was hinter der aktuellen Eskalation in Israel und dem Gazastreifen  steckt.
     
    Zuhair al-Kaisi, der Chef der Terrororganisation „Volkswiderstandskomitee“ (PRC), hat  kein Geheimnis aus seinen Aktivitäten gemacht. Es war al-Kaisi, der direkt nach der Freilassung von Gilad Shalit im Rahmen des erpresserischen „Austauschs“ vergangenen Oktober den arabischen und internationalen Medien Interviews gegeben hat. Er hat berichtet, wie seine Organisation den israelischen Soldaten entführt und verhört hat, dann den israelischen Bitten, ihn freizulassen widerstand, und ihn schließlich an die Hamas übergab, , die ihn fünf Jahre lang in einen Kerker steckte.  
     
    Al-Kaisi war Berichten zufolge auch derjenige, der für die Transfers von Geldern der libanesischen Hisbollah zu anderen Terrororganisationen im Gazastreifen zuständig war.
    In Anbetracht dieser Tatsachen scheint der Vorwurf der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte alles andere als weithergeholt, dass al-Kaisi einer der Köpfe hinter dem Anschlag war, der im vergangenen August nördlich von Eilat verübt wurde. Bei dem von  nach Israel eingeschmuggelten Terroristen verübten Anschlag waren acht Israelis ermordet worden. Naheliegend erscheint dadurch auch  die Begründung des Schlags gegen al-Kaisi, die lautete, er habe einen weiteren großangelegten Anschlag geplant. 
     
    Ein Blick hinter die Zahlen und Schlagzeilen würde auch daran erinnern, dass Israel keine Präsenz im Gazastreifen hat, weder militärisch noch zivil, es gibt dort keinen territorialen Konflikt. Israel hat 2005 tausende Menschen aus ihren Häusern herausgerissen und sich vollkommen aus dem Gazastreifen zurückgezogen. Der letzte Israeli, der im Gazastreifen gelebt hat, war Gilad Shalit.
     
    Nach dem Rückzug von 2005 hätten die Palästinenser den Flüchtlingen im Gazastreifen neue Häuser geben können – es sprach nichts dagegen, die Besatzung war vorbei, doch man zog es vor, die Wunde offen zu halten. Die Palästinenser hätten im Gazastreifen eine Mini-Demokratie aufbauen können, wenn auch nur um ein unsicheres Israel davon zu überzeugen, dass es sich genauso sicher aus dem Westjordanland zurückziehen kann. Doch offensichtlich war nicht einmal der Gewinn von Gebieten im Westjordanland verlockend genug.
     
    Stattdessen wurden die Gewächshäuser zerstört, die in den ehemaligen Siedlungen floriert hatten und die unter palästinensischer Kontrolle genauso hätten florieren können. Die Hamas riss 2007 gewaltvoll die Macht an sich, nachdem sie 2006 die Wahlen gewonnen hatte. Und der Raketen- und Mörserbeschuss setzte sich fast ununterbrochen fort. In der Zeit vor der Tötung al-Kaisis gab es fast keinen Tag, an dem nicht eine Rakete auf Israel abgefeuert wurde. Doch diese Anschläge machten keine Schlagzeilen, da sie keine Israelis töteten.
     
    Als Benny Gantz, der Generalstabschef der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, am Sonntag erklärte, dass „Israel kein Interesse an einer Eskalation“ habe, klang das glaubwürdig. Es gab in den vergangenen Wochen keine Indikatoren, die darauf hinwiesen, dass ZAHAL eine Wiederholung der "Operation  Gegossenes Blei" vom Winter 2008/2009 gegen die Hamas plane. Israel hatte sich auf andere Themen konzentriert – Irans Streben nach der Bombe, die unsichere Situation in Ägypten und Bashar al-Assads tägliche Massaker an seiner eigenen Bevölkerung in Syrien.
     
    Doch nichtsdestotrotz steht Israel sieben Jahre nach dem Rückzug aus dem Gazastreifen einer Regierung gegenüber, die jede Gelegenheit genutzt hat, sich gegen ihren Feind, gegen Israel, zu rüsten und ihr Raketenarsenal zu erweitern, um israelische Zivilisten zu schädigen. Und deshalb muss Israel vielleicht früher oder später wieder auf eine Bodenoffensive zurückgreifen, wie Gantz und andere ranghohe Vertreter in den letzten Monaten bereits erklärten.
     
    Ob diese Zeit schon jetzt gekommen ist, hängt von der Hamas ab. Sollte sie sich dem Raketenbeschuss durch das „Volkswiderstandskomitee“ und den „Islamischen Jihad“ anschließen, würden sich die Ausmaße dieser Eskalation gänzlich ändern, denn die Hamas verfügt über Fajr-Raketen, die Tel Aviv erreichen können. Oder wird sie sich raushalten und auf einen  Waffenstillstand hinarbeiten? Zurzeit stehen die Zeichen gut für letzteres.

    Der Autor ist ehemaliger Chefredakteur der Zeitung "Jerusalem Post" und Gründer und Chefredakteur der Online-Zeitung "Times of Israel".

    Die auf der Website veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.
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     : Reuters
     
     
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