Humor und Holocaust

Humor und Holocaust

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    Von David Regev, Haaretz, 24.02.13
     
    In einem berühmten Sketch der Satiresendung Eretz nehederet (Ein wunderbares Land) besuchen israelische Schüler ein Konzentrationslager in Polen und machen aus den Erinnerungszeremonien und den Führungen durch die erschütternde Ausstellung lustige Momente. Die Sketch-Serie hat viele amüsiert, andere jedoch wütend gemacht und verletzt. Wie konnte es eine Satiresendung wagen, über die Shoah und die mit ihr verbundenen Symbole zu lachen, haben empörte Zuschauer gefragt.
     
    Die Clips haben ungewollt einen sensiblen Nerv in der israelischen Gesellschaft getroffen: Humor zum Holocaust. Scheinbar handelt es sich um zwei Begriffe, die niemals zueinander finden würden. Einerseits die Shoah – dieser Schrecken menschlicher Grausamkeit, der mit der Vernichtung des Volkes Israel gedroht hat – und andererseits Humor, dessen wichtigstes Ziel es ist zu unterhalten.
     
    Ist es erlaubt und möglich, Humor und Shoah zusammenzubringen?
     
    In meiner Arbeit als Ombudsmann der Regulierungsbehörde für Privatfernsehen und –radio erhalte ich immer wieder Beschwerden von Zuschauern, die mit der Verbindung von Shoah und Humor zusammenhängen. Kürzlich erreichte mich die Beschwerde eines Hörers, der sich über einen Radiosketch in einem Lokalsender beschwerte. Es handelte sich um ein fiktives Interview mit einem Nazi-Lokführer, der während des mit deutschem Akzent gegebenen „Interviews“ Juden antrieb, schneller den Zug in Richtung Endstation zu besteigen.
     
    Der Hörer erkannte darin eine schwere Beschädigung des Andenkens der Opfer und Überlebenden der Shoah. Der Leiter des Senders dagegen behauptete, es handele sich um einen humoristischen Beitrag, der ein Ereignis kritisiere, das sich tatsächlich in einer Straßenbahn in Jerusalem zugetragen habe. Die Beschwerde des Hörers ist eine Zuspitzung der Frage, ob es 68 Jahre nach der Shoah in Europa und Nordafrika Platz für Humor gibt, der mit ihr in Zusammenhang steht.
     
    Humor war, unter anderem, auch immer schon ein Mittel, um einer schweren Realität zu entfliehen. In seinem Buch „Durch die Tränen“ deckt Itamar Levin, Experte auf diesem Gebiet, das Phänomen des Humors unter den Juden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern auf und erklärt ihn zur Waffe der Schwachen. Er umfasste Witze und Theateraufführungen, die in den Lagern gespielt wurden: „Im Angesicht des herrschenden Wahnsinns schützte sich das Opfer heimlich dadurch, dass es das Lächerliche herausstrich. […] Der Humor in den Ghettos war anders, er umfasste außer Sketchen sogar auch Clowns auf den Straßen“, schreibt Levin.
     
    Wenn die Juden damals über sich selbst und ihre schwere Lage gelacht haben, gibt es dann heute keinen Raum für Humor über den Holocaust? Humor ist eine der gesündesten Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft. Humor über die Shoah kann auf die Gesundheit  der israelischen Gesellschaft hindeuten, der es gelingt, eines der schrecklichsten Ereignisse der Menschheit, das gedroht hat, das jüdische Volk auszulöschen, auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Unter gewissen Umständen kann der Humor sogar als zusätzliche Brücke zur jüngeren Generation dienen, die etwas über die Shoah lernen und auch andere Seiten von ihr entdecken möchte. Unter anderen Umständen kann er auch die Betretenheit Vieler in der jüngeren Generation lindern und ihnen helfen, mit den Schrecken, den Bildern und den Geschichten umzugehen.
     
    Was aber sind die Grenzen dieses Humors?
     
    Humor, der sich mit dem Alltag der Juden in der Shoah und ihren Schwierigkeiten beschäftigt, der Wörter benutzt, die mit der Shoah assoziiert werden, die Industrie der Klassenfahrten nach Polen kritisiert und auf satirische Weise den Umgang der israelischen Behörden mit den Holocaust-Überlebenden kritisiert, ist „erträglich“ und sogar angemessen. Im Gegensatz dazu ist Humor, der die Menschenwürde verletzt, sich mit der Vernichtung der Juden selbst und der Ermordung der Nazi-Gegner, mit den Todeszügen, den Schornsteinen und den schrecklichen Tötungsformen beschäftigt, verletzend und sollte keinen Raum finden.
     
    Meine Kritiker werden sicherlich behaupten, dazwischen sei nur ein schmaler Grat und eine Öffnung für den angemessenen Humor werde schnell die Schleusen für den unangemessenen öffnen. Doch wenn wir durch einen öffentlichen Diskurs und die Medien die Grenzen zwischen angemessenem und unangemessenem Humor klären und außerdem den verletzenden Humor entschieden bekämpfen, können wir die Würde der Shoah und vor allem die Würde Hunderttausender Überlebender und ihrer Kinder retten.
     
    Wenn wir das nicht tun, dann wird der „Shoah-Humor“, der zurzeit hin und wieder Tröpfchenweise in unsere Lebensrealität eindringt, bald zu einer Sintflut der Verunglimpfungen werden.
     
    Der Autor ist Ombudsmann der Regulierungsbehörde für Privatfernsehen und –radio.
     
    Die auf der Website veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.
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     : Keshet
     
     
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